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Passauer Alltage  
Der alte Mann und seine Bücher - das Antiquariat Henke am Domplatz
 
Luragogasse 5 - Altstadt | Rubrik: Menschen
Bildbeitrag vom 24.11.2016

Der Beruf des stationären Buchhändlers gehört in Deutschland zu einer bedrohten Spezies, deren Fortbestand schon seit längerer Zeit infrage gestellt wird. Zu groß scheint die übermächtige Konkurrenz aus dem Netz und der großen Buchhandlungsketten. Hinzu kommt, dass Bücher in Zeiten der Digitalisierung immer mehr zu Nischenprodukten werden, die im Vergleich zu ihren smarten E-Book-Pendants als unhandliche Platzhalter im Regal gelten. Bücher sind zu einem Hobby für romantische Nostalgiker verkommen, mögen böse Zungen behaupten. Einer dieser Romantiker sitzt in einem kleinen Nebenraum seines Antiquariats am Domplatz, umgeben von Bücherregalen, die bis zur Decke reichen, und raucht Zigarillos, die man aus dem Film noir kennt. Heiner Henke betreibt seit 44 Jahren das gleichnamige Antiquariat und man hat das Gefühl, dass sich in diesen Zeitraum bis auf den modernen Mac-PC nur wenig in seiner Buchhandlung verändert hat. Und das ist auch gut so.

Vielfalt und Exklusivität

Henke ist den klassischen Ausbildungsweg eines Buchhändlers gegangen. In Köln wurde er fertig ausgebildet, verdiente sich daraufhin seine ersten beruflichen Sporen in Berlin und kaufte dort 1968 auch ein Geschäft. Dann lernte er seine jetzige Frau kennen, die aus Bayern stammt und mit der es ihn nach Passau zog. Seinen norddeutschen Ursprung erkennt man trotz der über vierzig Jahren in Niederbayern sofort an seinem sorgfältig vorgetragenen Hochdeutsch. Wer über einen solchen Zeitraum sein Geschäft erfolgreich betreibt, muss sein Handwerk verstehen. Henkes Buchhandlung zeichnet sich vor allem durch seine breit augestellte Bücherauswahl aus. Stolz zeigt er sein Sortiment, das in seiner Vielfalt und Exklusivität beeindruckt. So ist eine große Ecke seiner riesigen Bücherlandschaft nur unserem Nationaldichter Goethe gewidmet, für den Henke ein besonderes Faible hat. In einem anderen Regal findet sich eine ausgewählte Sammlung französischer Literatur. Man stellt sich die Frage: Wo findet man heutzutage noch solch ein fein sortiertes Buchsortiment, wenn nicht im Internet, wo man nahezu alles bekommt? Henke meint, dass er in Deutschland wohl zu einem kleinen Kreis von Buchhändlern gehört, die diese Auswahl zu bieten haben.

Das Internet als zweites Standbein

Seinen Laden hat der Antiquar Stück für Stück erweitert. Angefangen mit zwei Räumen, sind es mittlerweile fünf Räume, in denen ca. 12.000 Buchtitel zu finden ist, die Grafiken nicht mit eingerechnet. Diese Unterteilung der Buchhandlung hat seinen ganz eigenen Charme, denn man kann anhand der Mauerdurchgänge nachvollziehen, wie das Antiquariat in seinen Anfangsjahren ausgesehen hat. Henke erzählt, dass sich im letzten Raum vorher ein Lebensmittelgeschäft befand, das er nach der Schließung übernommen hat. Eine seiner Einnahmequellen ist die Zulieferung an die Universitätsbibliothek, ein Geschäft, das er sich mit anderen Buchhändlern teilt. Seit 2005 ist er auch im Internet mit einem Onlinelieferservice vertreten, den ihm sein Sohn, der Informatiker ist, eingerichtet hat. Dort sind nahezu alle Titel, die er im Laden hat, in unterschiedlichen Kategorien wie Musik und Naturwissenschaft gelistet und mit einer ausführlichen Beschreibung des Buchzustandes versehen. Um die regelmäßige Datenpflege kümmert er sich selbst, was bei der Fülle an Büchern nicht selbstverständlich ist.

Kein Ende in Sicht oder doch?

Was das Antiquariat aber besonders auszeichnet, ist der Bestand an Büchern, die nur noch in begrenzter Stückzahl erhältlich sind. Henke zeigt mir ein Buch mit lithographierten Blumendarstellungen und dazugehörigen Gedichten, auf einer Seite ist noch ein abgerutschter Pinselstrich an der Unterkante zu sehen. Ein Werk, das in dieser Form einzigartig und dessen Wert eigentlich auch nicht in Zahlen zu beziffern ist. Man merkt, wie der Antiquar ins Schwärmen gerät und beginnt zu verstehen, warum er mit seinen 76 Jahren noch lange nicht an den Ruhestand denkt. Seinen Beruf sieht er augenscheinlich mehr als Berufung und dieser will er am liebsten noch 20 Jahre nachgehen, „so der Herrgott es erlaubt“. Ob es das Buch, wie wir es kennen, bis dahin noch gibt? Henke zeigt auf eine Karikatur, die in seinem Büro hängt. Darauf zu sehen ist eine Schulklasse mit zwei Jungs, die sich gegenseitig etwas zuflüstern. Der eine meint, dass sie die Bücher aufschlagen sollen, woraufhin der andere in sein Smartphone schaut und antwortet: „Google sagt, das sind diese aufklappbaren Papierstapel.“

Text & Fotos: Magnus Petz
 

 
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Kommentar von R.Schnieders
geschrieben am: 24.11.2016
"Sehr schöner Artikel. Wie gut zu lesen, dass es auch in der heutigen Zeit noch Menschen gibt, die ein gutes Buch dem Smartphone vorziehen.

Wünsche mir, dass dieses Geschäft noch sehr sehr lange erhalten bleibt."
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