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Blaubart  
wenn die Herzen verstummen
 
Innstraße 29 - Haidenhof Süd | Rubrik: Universität
Bildbeitrag vom 16.01.2009
Blaubart für Eilige:
Ein Edelmann und Verführer geht auf Dienstreise und lässt seine jungverheiratete Frau samt Schlüsselgewalt zurück. Das ganze stellt sich als Prüfung heraus, in deren Verlauf die junge Dame im wahrsten Sinne des Wortes „einen Berg Leichen im Keller“ ihres Ehemanns entdeckt.
Immer wenn bei den Grimmschen Kinder- und Hausmärchen die Rede auf „Blaubart“ kam, hielt Mutter inne und blätterte dann bemüht unmerklich ein paar Seiten weiter. Was hatten sich die sammelwütigen Philologenbrüder aus Hessen auch nur dabei gedacht, gerade dieses blutrünstige Märchen aus Frankreich in ihre Sammlung aufzunehmen? Kindlicher Entdeckergeist lässt sich aber nur schwer bremsen, und hat man einmal lesen gelernt, stehen die elterlichen Chancen diesbezüglich noch schlechter. Früher oder später kommt man also Mutter vorm heimischen Bücherregal auf die Schliche...  ...und kindlich-konsterniert beim Blaubart erst einmal nicht weiter. Verständlicherweise trägt mancher diesen Stoff dann noch eine Weile mit sich herum, und so entsteht sie dann, die Vielzahl germanistischer, psychologischer u.ä. schriftlicher Zerpflückungen des Blaubarts auf hausarbeiten.de und anderswo im Netz der Netze. Meist stehen die ihm verfallenen und schließlich ermordeten Frauen im Mittelpunkt des Interesses.

Die viel und gern gelesene Zürcher Psychologieprofessorin und Märchendeuterin Verena Kast hat darüber gearbeitet, Clarissa Pinkola Estés dem Stoff in „Die Wolfsfrau“ ein profundes Kapitel mit Fokus Geschlechterforschung gewidmet, Dea Loher hat ihn 1997 unter dem Titel „Blaubart – Hoffnung der Frauen“ dramatisiert. In Traunstein geboren, absolvierte Doher Heiner Müllers „Schreibschule“ an der Berliner HdK und erreichte zu Beginn der 1990er Jahre mit „Leviathan“ als Dramatikerin ein größeres Publikum. Zuletzt war ihr Name als aktuelle Trägerin des Berliner Literaturpreises der Stiftung Preußische Seehandlung in den Feuilletons zu lesen. Und an diesem Donnerstag brachte die Theatergruppe TollMut Dea Lohers „Blaubart“ auf die Studiobühne der Universität Passau.


Kann man der Liebe geradewegs in die Arme laufen?

Wohl kaum. Früher oder später verheddert man sich einmal in ihrem Dickicht am Wegesrand. Vor einem solchen zu weißen Schnüren abstrahierten Bühnendickicht entfaltet sich die Szenerie. TollMut erzählen die Geschichte vom Schuhverkäufer Heinrich Blaubart, der fünf Frauen und mithin fünf Arten der Liebe begegnet, darüber zum Mörder wird und letztendlich an Schuld und Verwirrung zugrunde geht. Fabian Basten spielt diesen Heinrich solide durch alle Szenen und Begegnungen mit den doch so verschiedenen Frauentypen. Ob desinteressiert, derangiert oder schwer Richtung Delirium unterwegs, sein Heinrich bleibt immer glaubhaft und stürzt auch von leeren Flaschen umsäht nie in die Lächerlichkeit ab. Das verdient diese Figur auch nicht, vielmehr nimmt es die Gemeinheit aus Heinrichs Gewalt und verleiht ihr die Tiefe der Tragik. Zwei Erzählerrollen bringen weitere Ebenen ins Spiel: rechts im Dunkeln agiert Lion Logert als die innere Stimme Heinrichs, als das Alter Ego, dass die Bühnenaktion als vergangene Handlung seiner selbst erscheinen lässt. Doch auch um hin und wieder einzugreifen: das stiftet Verwirrung zwischen den Zeitebenen und klärt doch zugleich verwirrende Situationen auf der Bühne – und sei es durch Mord. Logert spielt in Mimik und Gestik sehr zurückgenommen und bis aufs Mindestmaß reduzierter stimmlicher Modulation. Man kennt diesen Ton aus Hörspielen, er ist Geschmackssache. Hier mag die Rechnung allerdings nicht ganz aufgehen, diese männliche Ankerfigur ist – man verzeihe diesen Beinahe-Kalauer – „leicht unstimmig“.
Am linken Bühnenrand, die Blinde, die am Ende zur kathartischen Wiedergängerin von Heinrichs erster Liebe Julia wird. Ramona Daum legt in allen diesen Rollen eine großartige darstellerische Leistung vor, bestechend subtil, vielfältig, beiläufig vom Sehnen nach Sinnlichkeit und geplanter sexueller Erweckung plaudernd. Ein Monolog über die Unmöglichkeit kühl geplant „heiß“ zu werden. Das ist auf den Punkt gebrachte Tragikomik, mit einem Hauch gefährlicher und doch irgendwie mädchenhafter „Weibsbild-Raffinesse“. Und es ist die eigentliche Wende, die Lea Dohers „Blaubart“ zu dem macht, was es ist: ein Geschlechterthriller basierend auf einer Typenschau. Frauentypen wohlgemerkt: Zunächst Julia, die mit schlicht anmutender Naivität die große Liebe sucht. Sie will zurecht die maßlose Hingabe; das ist so hinreißend sympathisch und so gerechtfertigt, so dem kühlen Alltag zuwiderlaufend, dass man es – schlimm genug – nur noch auf der Theaterbühne glauben mag. Jedoch, gerade sie setzt den Malstrom in Gang. Eva-Maria Richter spielt eine in beruhigendem Blau kostümierte „süße“ Julia. Sie wird Heinrichs femme fatale werden.
Anna, die tröstende Freundin, wird still und schnell das zweite Opfer. Caroline Götz stellt sie als eine zurück genommene Frau dar, die aber auch nicht in sich ruht, obschon sie die Desillusionierte vorgibt, die so gut zum Heinrich des Eingangsbildes gepasst hätte. Ein schwieriger Part, dieses „Innerliche am Kochen halten“, auch weil er zum vertiefenden Ausspielen zu kurz ist.
Tanja, die einsame Prostituierte, ist hingegen eindeutiger konturiert. Doch mitten in ihrer Szene verlangt auch sie, dass man in ihr nicht nur „die Professionelle“ sieht. Mit Tanja betreten der Sexus und die missglückte Erweckung die Bühne. Dana Gahmig verschafft der Figur spielend leicht die Züge sarkastisch maskierter Traurigkeit – und weiß sie auch zu demaskieren, ohne ihrer Tanja bis zu deren fatalem Ende untreu zu werden.
Die, ob zu vieler Männer desillusionierte Eva treibt die Traurigkeit „die ihr jeden Tag die Tür öffnet“ noch weiter. In die kalte Wut nämlich. Beatrice von Maltzahn spielt die Paradoxie im Kleinen Schwarzen. Eine Frau, die verführerisch, den gewaltsamen Tod sucht. Judith, wird von Vigdis Ratzbor dargestellt. Rastlos ist sie und sucht die Liebe, um darin Langsamkeit und Gewohnheit zu finden. Bei Heinrich findet sie die ewige Ruhe.
Beim Finale begegnen sich die beiden Figuren der anderen Spielebene, Heinrichs Alter Ego und die Blinde. Ein Showdown beinahe mit der Wucht eines antiken Dramas – soviel sei gerade noch verraten.


Premierenfeier

Zu einer gelungenen Premiere gehört natürlich eine Premierenfeier. Hier sorgte die Passauer Band „Irrationale Euphorie“ für freche, deutschsprachige und mit einem sympathischen Punkvirus infizierte Unterhaltung. So löste sich auch noch die letzte verbliebene Anspannung, die ja auch immer zu einer Premiere dazugehört. Die Aufführungen können also nur noch gewinnen, und jeder der die weiteren Vorstellungen besucht, ebenfalls. Ganz gleich ob man nun auf Thriller, Märchen, Maskenspiele, Psychogramme erpicht ist, oder sich nur irgendwann einmal die Frage stellte: Kann man der Liebe geradewegs in die Arme laufen? Wohl kaum. Früher oder später verheddert man sich einmal in ihrem Dickicht am Wegesrand. Denn es ist so eingerichtet, dass unser Lebensweg auch ein Liebesweg ist. Das ist gut so, auch wenn im Dickicht an diesem Wegesrand Enttäuschung, Schmach, Gewalt, das Sich-Verzehren und auch der Tod ihre Heimstatt haben. Dazwischen, im Kiesbett, im rutschigen Sand oder im gefährlich vereisten Rinnstein ist das Drama zuhause.


tsc/passau-live.de


Dea Lohers „Blaubart – Hoffnung der Frauen“ in der Inszenierung von David Penndorf und TollMut ist noch am 17./18. und 19. Januar jeweils um 20Uhr in der Studiobühne der Universität Passau, Seiteneingang Mensa zu erleben. Karten sind zu 8,- EUR/ermäßigt 5,- EUR sind an der Abendkasse erhältlich.


 
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