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„Die Elster auf dem Galgen“.

Lesung mit dem weißrussischen Autor Alhierd Bacharėvič und dem Übersetzer Thomas Weiler

Weißrussland: Der Maler Marc Chagall, ja richtig, der stammte doch von da. Wie übrigens auch ein Gutteil der Gründergeneration des Staates Israels. Die Chess-Brüder, die ab den 1950er Jahren in Chicago den elektrischen Blues auf Schallplatte bannten, sie waren von dort aus in die Neue Welt aufgebrochen. Und dass wir heute solche und jede andere Musik von CD hören können, verdanken wir Šores Alfjorov, Erforscher der Halbleiterlaser-Technologie, Physiknobelpreisträger, und wie alle vorab Genannten, in Belarus/Weißrussland gebürtig. Derzeit gibt es jedoch wenig Gutes aus dem knapp 10 Millionen Einwohner zählenden Land zwischen Polen, der Ukraine, Litauen und Russland zu berichten. Am 19. Dezember 2010 wurde Aljaksandr Lukašenka - den manche „Bat’ka naroda“ („Väterchen des Volkes“), andere wiederum den „letzten Diktator Europas“ nennen – erneut zum Staatspräsidenten gewählt. Der politische Preis dafür war hoch. Die Opposition geprügelt und ins Gefängnis geworfen, die Medien wieder hübsch auf Linie gebracht, die Büros internationaler Organisationen, etwa der OSZE, geschlossen. Wer irgendwie kann, bleibt im Westen. Das alles nicht zum ersten Mal und unter den Augen Russlands wie auch der Europäischen Union. Das Schwarze Gold ermöglicht solche, von demokratischem Langmut geduldete und von despotischer Hand gesteuerte Politik. Denn Belarus ist das wichtigste Transitland für Erdöl aus den Weiten Sibiriens gen Westen. Bisweilen geraten so sehr lange Ölpipelines zu Expresstrassen für Höhenflüge westeuropäischer Freiheitsrhetorik in die Niederungen der Sachzwangargumente. Internationale Politik ist manchmal schon sehr verwunderlich.

Der Schriftsteller Alhierd Bacharėvič stammt aus Minsk. In seiner Heimat Belarus erfreuen sich seine bisher im unabhängigen Verlag Lohvinaū veröffentlichten Bücher wie „Die natürliche Färbung“ (2003), „Keine Gnade für Valentina H.“ (2006) oder „Praktisches Hilfswerk zur Zerstörung der Städte“ (2002), für das er den Literaturpreis „Hliniany Viales“ bekam, großer Popularität. Einzelne Erzählungen wurden bereits ins Tschechische, Bulgarische, Ukrainische und Deutsche übersetzt, er übersetzt auch selbst deutsche Literatur. Doch bei den Offiziellen eckte Bacharėvič an, seit 2007 lebt er in Hamburg. Dort schrieb er den Roman „Die Elster auf dem Galgen“, der bereits 2009 auf Belarussisch erschien, in Weißrussland jedoch nur unter der Hand zu bekommen ist. Die gerade erschienene deutsche Übersetzung präsentierten Bacharėvič und sein Übersetzer Thomas Weiler am Dienstagabend im Scharfrichterhaus. Geschildert wird darin die Entwicklung des Mädchens Vieranika zur loyalen Mitarbeiterin des staatlichen Sicherheitsdienstes eines ungenannt bleibenden autoritären Staates. Der Autor baut zahlreiche Bezugsebenen in den Roman ein: die virtuelle der Online-Rollenspiele wird in Beziehung zur Realität, das Fremde zum heimatlich Vertrauten gesetzt. So berichtet der Erzähler im Buch vom Standpunkt eines Exilanten aus. Und fortwährend spielt das titelgebenden allegorische Gemälde Pieter Bruegels d.Ä. eine mysteriöse Rolle. Welches Unheil kündigt dieser Vogel an? Verspottet er die Werkzeuge der Macht, indem er sie schnöde als Rastplatz gebraucht? Oder droht diese Elster vor den Augen des Betrachters zu verschwinden, so wie es manchem Zeitgenossen mit sich selbst im großen politischen Weltenlauf geht? Als sei das alles noch nicht genug, wählt Bacharėvič eben gerade keine chronologische Erzählweise. Vielmehr seziert er, einem Pathologen gleich, anhand einzelner Körperteile Vieranikas das politische System des beschriebenen Staates und die Stellung des Einzelnen darin.

Autor und Übersetzter beantworteten nach der Lesung ausführlich die Fragen der Zuhörer. Beide führten die Stellung des Belarussischen aus, das (nicht nur) als Literatursprache stets unter erheblichem Rechtfertigungsdruck gegenüber dem Russischen stand und steht. Sprachspiele seien für Belarussen sehr aktuell, so Bacharėvič, vermutlich ja sogar in doppelter Hinsicht: als ein formales Novum und als Mittel, einen raffinierten und bisweilen verdeckten Diskurs der politischen Lebenswirklichkeit zu führen.

Thomas Weiler, seit 2007 freier Übersetzer aus dem Russischen, Polnischen und Belarussischen in Karlsruhe, hat alle diese Ebenen des Romans in eine für den deutschen schlüssige Form gebracht. Ein Anhang zur Erklärung von Doppelbödigkeiten und Realien ergänzt das Buch sinnvoll. Weiler gründete übrigens auch „Probabel e.V.“, einen Förderverein für belarussisches Literaturschaffen. Es ist zu hoffen, dass sich dieser als probates Mittel erweist, den weißen ostmitteleuropäischen Fleck Weißrussland auf der mentalen Landkarte der Nichtganzsoweitostmitteleuropäer zu tilgen. Die Lesung im Scharfrichterhaus wurde von der Studierendeninitiative Russia Research Group in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Slavische Literaturen und Kulturen und dem Scharfrichterhaus organisiert. Neben Literaturfreunden und Universitätsangehörigen hatte sich übrigens auch der belarussische Journalist Sargej Šupa auf den Weg ins Scharfrichterhaus gemacht. Vor zehn Jahren, kurz vor Präsident Lukašenkas erster Wiederwahl, übersetzte er George Orwells „Farm der Tiere“ und „1984“, zwei Klassiker literarischer Totalitarismuskritik, ins Belarussische. Heute berichtet er von Prag aus für die belarussische Redaktion des unabhängigen Senders Radië Swaboda (das ehemalige Radio Freies Europa). Z.B. über solche Passauer Literaturabende. Alhierd Bacharėvičs Roman „Die Elster auf dem Galgen“ in der Übersetzung von Thomas Weiler erschien im Spätherbst 2010 im Leipziger Literaturverlag und ist im Buchhandel erhältlich.

Text und Bilder: T. Schmidt


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